„Irans neuer Umbruch – Von der Liebe zum Toten zur Liebe zum Leben“

Der Iran ist eine Bedrohung, eine Bedrohung für den Frieden im Nahen und Mittleren Osten und für den Weltfrieden. So zumindest müsste man wohl schließen, wenn man den alltäglichen Meldungen der Medien glauben schenken möchte. Und wenn nicht schon die Nachrichten aus und über den Iran erschreckend genug sind, dann werden Meldungen zu Kriegsvorbereitungen aus den USA und Israel nachgereicht.

Doch gab es auch kurzzeitig anderes zu berichten. Unzählige Menschen gingen im Sommer 2009 im Iran auf die Straßen um friedlich gegen die „Wahlen“ zu protestieren. Eine neue soziale Bewegung schien sich zu etablieren. Es wurden Bilder gezeigt, die so gar nicht zu den stereotypen Nachrichten über den Iran passen wollten. Ist der Iran nun eine islamistische, gar faschistische Bedrohung oder eine zerfallende Diktatur mit Tendenzen zur Demokratisierung?

Es ist nicht einfach sich ein differenziertes Bild über die aktuellen Geschehnisse im Iran zu machen. In der Mehrheit der Medien wird ein Zerrbild der Realität gezeichnet, dass sich vornehmlich an den Interessen der eigenen Wir-Gruppe ausrichtet. Zwar mögen die Nachrichten dann emotional befriedigender sein, informativ sind sie hingegen mitnichten.

Hier bietet der Essay von Dawud Gholamasad (emeritierter Professor für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover) eine erfrischend neue Perspektive.

War in seinem letzten Buch noch der Fokus auf die Sozio- und Psychogenese islamistischer Selbstmordattentäter gerichtet [1], so erweitert er in seiner neuen Publikation diesen Blick nun auf gesamtgesellschaftliche Prozesse der „Islamischen Republik“ Iran. Dabei bietet der Essay eine empiriereiche Sammlung, die seine zentrale soziologisch-sozialpsychologische These der „Selbstwertbeziehungen“ veranschaulicht. Dieses Konzept Gholamasads, angelehnt an Norbert Elias, das sich durch all seine Veröffentlichungen der letzten Jahre wie ein roter Faden zieht, stellt die Menschen und ihr (Selbstwert-) Erleben in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Überlegungen. Insofern kann „Irans neuer Umbruch“ auch als Ergänzung und empirisches Paradigma seiner bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten gelesen werden.

Aber das neue Buch von Gholamasad bietet weit mehr. Sind seine bisherigen Arbeiten geprägt von prozesssoziologischen Überlegungen, so wird nun auch dieser Ansatz um die sozialpsychologische bzw. psychoanalytische Theorie Erich Fromms erweitert. Fromms Charakterologie der Nekrophilie und Biophilie wird aufgegriffen und in das Konzept der Selbstwertbeziehungen bzw. die Prozesssoziologie Gholamasads integriert. Dabei verliert sich der Essay jedoch nicht in menschenwissenschaftlichen Gedankenexperimenten, sondern bleibt seinem Gegenstand, den Menschen im Iran, immer verbunden. Gholamasad geht es dabei offensichtlich nicht darum lediglich sozialwissenschaftliche Theorie zu produzieren, vielmehr sind die theoretischen Überlegungen die Werkzeuge zum Verständnis der iranischen Gesellschaft. Ein angemessenes Verstehen, ohne vorzuverurteilen und ohne Klischees und Stereotype zu reproduzieren, steht im Mittelpunkt des soziologischen wie humanistischen Interesses. Mithilfe des Frommschen Ansatzes als auch mit dem Ansatz der Selbstwertbeziehungen gelingt es Gholamasad zahlreiche Prozesse der iranischen Gesellschaft zu erklären. Gerade auch dort, wo andere Veröffentlichungen und Nachrichten im bloßen Schuldzuweisen und Verurteilen verharren, vermag Gholamasad dem Leser zu mehr Einsicht in innenpolitische Entwicklungsprozesse des Irans und so zu mehr Verständnis verhelfen.

Will man die Entstehungund Entwicklung der neuen sozialen Bewegung, der „Grünen Bewegung“ Irans verstehen, kommt man um Gholamasads Essay nicht herum. Es ist eine neue Generation von Iranern und Iranerinnen, die sich gegen das Regime und dessen Bewahrer wehren, „die seit dreißig Jahren dem Tod und allen Leblosen huldigen und Gewalttätigkeit als einziges Mittel der Durchsetzung politischer Ziele praktizieren“ (S.7). Und dies ist auch der Kern der nekrophilen Tendenzen der iranischen Machtelite gegen die sich die „Grüne Bewegung“ richtet, „was in ihrer leidenschaftlichen Bejahung von Leben, Wachstum, Freude und Freiheit aktuell zum Ausdruck kommt“ (S.11).

Gholamasads kenntnisreiche, kurze ohne zu verkürzende Beschreibung der Genese der Nekrophilie der Anhänger der „Islamischen Republik“ Irans vermag eine neue Perspektive auf die inneriranischen Konflikte zu vermitteln. So wird der Bogen von der Konstituierung der „Islamischen Republik“ über „Ajatollah Khomeini als Verkörperung der Nekrophilie“ (S.13) und dem ersten „postrevolutionären Umbruch im Iran“ 1997 bis ins Jahr 2010 gespannt. Das Besondere an den Ausführungen Gholamsads ist hierbei, dass die Beschreibungen von strukturellen Veränderungen und Umbrüchen im Iran nicht für sich alleine stehen, sondern dass diese überhaupt erst Bedeutung bekommen durch die Perspektive der involvierten Menschen. „Diese gewalttätige soziale Basis des Regimes entstand vor allem durch die narzisstischen Verschmelzungsphantasien der durch die Modernisierung entwurzelten, marginalisierten und erniedrigten Menschen, die sich über Khomeini miteinander identifizierten und die Massenbasis des Khomeinismus bildeten.“ (S.22) Solch inhaltlich dichte Sätze sind es dann auch, die einerseits sowohl die theoretische Qualität des Essays ausmachen, die aber andererseits auch für menschenwissenschaftlich weniger geschulte Leser eine Herausforderung darstellen dürften.

Dennoch bietet „Irans neuer Umbruch“ auch den politisch interessierten und weniger soziologisch motivierten Lesern eine reichhaltige Sammlung empirischer Belege als auch politischer Thesen zu Demokratisierungsprozessen im Iran. Der Großteil der empirischen Darstellungen bezieht sich dabei jedoch auf den Kampf der Machteliten Irans mit allen Mitteln die alten Strukturen und Verhältnisse zu bewahren. Nur wenn man die Sozio- und Psychogenese der Anhänger des herrschenden Regimes mit all ihren menschenverachtenden Handlungen kennt, kann man auch das Neue und revolutionäre Potenzial der „Grünen Bewegung“ erkennen und verstehen.

Insofern ist Gholamasad ein Brückenschlag zwischen Empirie und Theorie, zwischen politischem Essay und menschenwissenschaftlicher Auseinandersetzung und auch zwischen Anklage an das alte Regime und Aufforderung an die neue Bewegung gelungen. Somit ist es auch ein Plädoyer für die Stärkung der Menschenrechte im Iran, für die Stärkung der humanistischen Ideen der „Grünen Bewegung“ und für die Stärkung derjenigen Stimmen aus „dem Westen“, die die Demokratisierungsprozesse im Iran unterstützen wollen, statt immer nur mit Kriegsrethorik auf den Iran reagieren und damit auch den Demokratisierungsbemühungen einer Mehrheit der Iraner entgegenwirken.

Erhältlich ist das Buch hier: Amazon

[1] „Selbstbild und Weltsicht islamistischer Selbstmord-Attentäter. Tödliche Implikationen eines theozentrischen Menschenbildes unter selbstwertbedrohenden Bedingungen.“ (2006)

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