Freizeit = Fernsehen – Von Massenmedien und idealen Herrschaftsinstrumenten

Seit den 1980er Jahren stehen Fernsehen und Radio hören, Telefonieren und Zeitung
lesen ununterbrochen auf den ersten Plätzen der häufigsten Freizeitaktivitäten
der Bundesbürger. [Freizeit-Monitor 2012]

Da ist ja schon der Beginn der Forschung konfus. Fernsehen und Radiohören als Aktivität zu bezeichnen, ist – nun ja – verwegen.

Seis drum. Erschreckender als die Deutung von Passivität als Aktivität ist ja auch vielmehr die gesellschaftliche Bedeutung dieses „Freizeit“-Konsums. Ich kann Luhmann nicht viel abgewinnen, aber eines sollte man sich immer wieder bewußt machen:

Was wir von der Gesellschaft und ihrer Welt wissen, wissen wir fast ausschließlich durch die Massenmedien. Die Realität ist so hinzunehmen, wie sie von den Massenmedien präsentiert und rekursiv, auf sich selbst aufbauend, reproduziert wird. [Die Realität der Massenmedien. Niklas Luhmann]

Aufgrund der nicht vorhandenen Medienkompetenz vieler Menschen wird die Wirkung des Fernsehens völlig unterschätzt. Es ist nicht nur ein Unterhaltungsmedium. Nach der Arbeit oder Schule will man ja nur abschalten, sich berieseln lassen. Man will etwas sehen, bei dem man nicht nachdenken muss. Je nach Vorliebe ist es dann seichte Romantik, brutale Gewalt oder einfach nur (scripted) Reality. Man weiß ja, dass es sich um Filme handelt. Deswegen hat das ja auch keine Wirkung auf einen selbst. Aber das ist ein Aberglaube! Werbepsychologen wissen das schon seit Jahrzehnten. Es geht nicht darum kognitive Inhalte zu vermitteln. Es geht um affektive Ansteckung, es geht darum die Emotionen der Menschen zu verändern. Emotionale „Wahrheiten“ werden so zu faktischen „Wahrheiten“. Kriegsfilme sind keine schlichte Unterhaltung mit dem Thrill für die pazifizierte Gesellschaft. Diese Filme übernehmen über affektive Ansteckung die Deutungshoheit über geschichtliche Zusammenhänge. Was wissen die meisten Menschen denn über den Vietnamkrieg? Oder anders gefragt: Woher wissen sie überhaupt vom Vietnamkrieg? Ist „Black Hawk Down“ nur ein Film oder eine wahre Geschichte? Gibt der Film wie es David Bergmann von Filmstarts kolportiert die Kriegshandlungen „weitestgehend historisch korrekt“ wieder. Wie sehr muss man eigentlich in einer Hollywood geprägten Phantasiewelt leben, um sich zu solchen Aussagen hinreissen zu lassen?

Tatsächlich passen sich seit einigen Jahren auch die durch Filme vermittelte Realität und die durch Nachrichten vermittelte Realität aneinander an. So ist die Geschichte um die „Operation Neptune’s Spear“ eine bis ins letzte Detail geplante Medienaktion. Der Aufbau und Ablauf ist identisch mit Filmen und Computerspielen: So stellt „man“ sich so eine Aktion vor. Der echte Einsatz folgt einem Spannungsbogen. Veröffentlichte Details widersprechen sich zunächt (das Soap-Prinzip der misslungenen Kommunikation) nur um in einem heroischen Moment aufgeklärt zu werden. Wurde der echte Einsatz nun nach den Realitätserwartungen der „Zuschauer“ konzipiert? Oder wozu überhaupt noch einen echten Einsatz riskieren, wenn doch die Realitätserwartungen der Zuschauer mit echter Realität eh nicht mehr viel zu tun haben? Warum nicht gleich eine Story auf die Erwartungen zuschneidern – das ist erstens billiger, zweitens sicherer und drittens von den Fernsehkonsumenten nicht im Geringsten zu unterscheiden.

„Nach wie vor wollen die meisten Bundesbürger sich am Abend von den Programmen der Sendeanstalten unterhalten, informieren und berieseln lassen. Dabei ist das Fernsehen jedoch zunehmend zu einem Nebenbeimedium geworden: Während des Zuschauens wird gegessen, telefoniert, die Wäsche gebügelt oder auch gelesen.“ [Freizeit Monitor 2012]

Das Fernsehen hat vor geraumer Zeit jeglichen Anspruch auf Information verloren. Das Infotainment hat sich in allen bereichen durchgesetzt. Reportagen und Dokumentationen, so es sie überhaupt noch gibt, haben den Namen kaum noch verdient. Der Informationsgehalt einer 45 Minuten Sendung ist oft nicht mehr als auf einer DIN-A4 Seite dargestellt werden kann. Und selbst Nachrichten sind lediglich noch Public Relation – entweder für Regierungen oder für Konzerne. Was bleibt ist die Berieselung. Eine Berieselung, die nichts anderes versucht als Produkte zu verkaufen. und wenn es nicht explizit in der Werbung geschieht, dann wird implizit entweder durch Product Placement oder noch subtiler durch affektive Ansteckung manipuliert. Dabei geht es auch gar nicht immer um ein zu verkaufendes Produkt. Es werden auch schlichtweg Einstellungen der Zuschauer manipuliert. Zig Dokumentation, Reportagen und Lifestyle-Berichte übder die Bundeswehr zeigen dies bestens auf. Höhepunkt ist hier „Willi wills wissen: Bundeswehr“. Aber was will man auch erwarten, wenn Fernsehen die Hauptfreizeitpassivität ist. Glauben wir wirklich die beständige Berieslung hätte keine Konsequenzen?

Völlig überraschend sind dann allerdings zwei andere Ergebnisse der „Studie“:

Von je 100 Befragten nennen als regelmäßige Beschäftigungen (mind. eimal pro Woche):

Seinen Gedanken nachgehen            69

Über wichtige Dinge reden                 65

Jetzt weiß man natürlich nicht, was Menschen so für wichtig halten. Möglicherweise handelt es sich hierbei auch um den Tabellenplatz der favorisierten fußballmannschaft, den Startplatz irgendeines Formel1-Piloten oder die neuen felgen des eigenen Statussymbol-Autos. Und ob den eigenen Gedanken nachgehen tatsächlich Denken meint oder aber z.B. sexualisiertes Tagträumen ist auch unklar.

Reinhardt: „Die Zuwachsraten bei der Internetnutzung steigen weiter an, verlangsamen sich jedoch. Und während es nur eine Frage von wenigen Jahren sein wird, bis die Internetnutzung bei den jungen Mitbürgern dasselbe Niveau wie das Fernsehen erreichen wird, wird es noch bis zum Ende des Jahrzehnts dauern, bis wenigstens die Mehrheit der älteren Generation online ist“.

Und da ist es dann auch schon wieder das Problem quantitativer Forschung. Was sagt denn bitte schön die Anzahl der Internetnutzer aus? Wenn alle lediglich bei facebook abhängen, haben wir es wohl kaum mit Inernet_nutzung_ zu tun. Und auch hier gilt: ohne Medienkompetenz ist das alles nicht viel wert. Das Lesen von Spon bildet per se genauso wenig wie das Lesen von Adorno. ohne die entsprechenden Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse kann man das Ideale und Ideologische nicht vom Realen trennen. Oder anders: Die Lüge ist nicht von der Wahrheit zu unterscheiden. Noch anders: Ohne entsprechendes Wissen, ist die Propaganda (Public Relation) nicht zu erkennen.

Eine nicht ganz überraschende Erkenntnis zeigt die Grafik. Die Beschäftigungen mit sich selbst nehmen zu. Die tatsächliche face-to-face Kommunikation mit anderen menschen nimmt ab. Die Konsequenzen daraus sind kaum absehbar. Eine Erklärung, zumindest was die theoretischen Bedingungen und die soziologische Dimension betrifft, findet sich bei Norbert Elias. Vor alem in seinem Werk „Die Gesellschaft der Individuen„. Die Verschiebung der Wir-Ich-Balance zugunsten des Ich und die damit einhergehende Verringerung bzw. Verkürzung der Empathiefähigkeit der Menschen dürfte eine treffende Überlegung sein. Die homo clausus-Selbsterfahrung nimmt weiter zu und die (empfundene) Vereinsamung ebenfalls. Aber kaum einer bemerkt es, denn alle sind doch neuerdings so vernetzt, so kommunikativ so sozial. Social Media eben. Doch ist Informationsaustausch Kommunikation? Gehört zur Kommunikation nicht die affektive Ansteckung dazu? Und wie emotional ist ein Emoticon?

Die fehlende Medienkompetenz gekoppelt mit der steigenden Mediennutzung von Fernsehen und Internet sind das ideale Herrschaftsinstrument. Die meisten Menschen beziehen ihr gesamtes Wissen über die Welt aus den Massenmedien: aus Filmen, Nachrichten, Infotainment-Sendungen, Quizsendungen, ehemaligen Nachrichtenmagazinen, alternativen Nachrichten, Blogs. Und alles ist gleichwertig, solange es kein ordnendes Orientierungsmuster gibt. Und gleichwertig heißt nicht im Geringsten gleich mächtig. Denn Spon, focus oder bild haben eine ganz andere Reichweite und eine ganz andere Glaubwürdigkeit als ein Blogger.  Für Machteliten sind die Massenmedien das entscheidende Herrschaftsinstrument – gleich nach der Verfügbarkeit über den Tod. Denn das Militär, dass den Machtanspruch stützt, ist nichts anderes als (das auch massenmedial verbreitete) Versprechen Herr über Leben und Tod zu sein.

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