Generation 911 – Zur soziologischen Konstruktion der Wirklichkeit

Der 11. September 2001 hat die Welt verändert. Zumindest wird das behauptet. Was jetzt genau verändert sein soll, wird allerdings meist nicht geklärt. Jeder weiß es ja oder besser: sollte es wissen. Es soll also eine gefühlte Wahrheit sein.

Ob es sich nun tatsächlich um einen radikalen Bruch in der Entwicklung der Menschheit bzw. der einzelnen Staaten handelt oder ob es eine sich schon vorher abzeichnende Entwicklung nur beschleunigt hat, ist nicht so ohne weiteres zu klären. Ob es also zu sozialstrukturellen Veränderungen gekommen ist, zu Veränderungen im Geflecht und im Aufbau von Institutionen und Positionen, bedarf genauerer Betrachtungen. Neben diesen soziogenetischen Aspekten von gesellschaftlichen Prozessen gibt es auch noch die psychogenetischen Aspekte. Also wie sehr haben die Terroranschläge vom 11.09. die Wahrnehmungs- und Empfindensmuster der Menschen verändert. Welchen Einfluss auf den sozialen Habitus und das kollektive Gedächtnis hatte der massenmedial aufbereitete Massenmord?

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt geschockt. Fast jeder kann seine ganz persönliche Geschichte erzählen, wie er von der Katastrophe erfahren hat und die erschreckenden Bilder der brennenden Twin-Tower zum ersten Mal sah. Doch kann man deswegen von einer „Generation 9/11“ in Deutschland sprechen? Dieser Frage gehen Soziologen der Universität Duisburg-Essen (UDE) jetzt in einem Online-Diskussionsforum nach. Prof. Dr. Carsten G. Ullrich und Dr. Daniela Schiek von der Fakultät für Bildungswissenschaften erforschen, wie die heute 30- bis 40-Jährigen die Anschläge erlebt und verarbeitet haben. [Pressemitteilung]

Damit nehmen sich die Soziologen der Universität Duisburg-Essen einem spannenden, kontroversen, komplizierten und auch unverständlich vernachlässigtem Thema an. Denn das angeblich größte Verbrechen des 21. Jahrhunderts wird wissenschaftlich kaum beachtet. Umso notwendiger also, dass sich Menschenwissenschaftler mit den unterschiedlichen Aspekten dieses Anschlages beschäftigen. Der Forschungsfrage nach einer möglichen Generation 911 mittels eines Online-Forums nachzugehen, ist ein durchaus probates Mittel, bietet es doch viele Vorteile. Die Diskussionen liegen bereits schriftlich vor und können relativ einfach in entsprechende Auswertungssoftware kopiert werden. Das spart Zeit und Geld und man kann sich auf die Auswertung konzentrieren. Auch sind Foren keine ahdoc-Diskussion wie es bei face-to-face Gesprächen der Fall ist. Es ist davon auszugehen, dass die Onlinediskutanten sich mehr Zeit beim Schreiben lassen und ihre Beiträge auch durchaus korrigieren bevor sie sie absenden. Anhand der gespeicherten Zeiten beim Veröffentlichen der Texte wäre auch ein schnelles, „unüberlegteres“ Antworten (und somit möglicherweise affektiveres) nachvollziehbar und belegbar.

Allerdings hat ein Online-Forum auch erhebliche Nachteile. Man hat es bei den Diskutanten nicht mit einer Zufallsstichprobe zu tun. Wer sich in dem Forum anmeldet, den interessiert das Thema bereits. Und zwar so sehr, dass er auf das Forum aufmerksam geworden ist, dass er die Mühe des Anmeldens auf sich nimmt und dass er sich die Beiträge durchliest und im besten Falle sogar darauf antwortet. Diese Problematik ist dermaßen weitreichend, dass ich es für unmöglich halte, mit diesem „Erhebungsinstrument“ die Ausgangsfrage zu beantworten. Wer dort antwortet zählt zur Generation 911 und wen das Ganze nicht interessiert, der meldet sich dort nicht an. Nichts desto trotz, lassen sich natürlich einige andere Fragestellungen verfolgen und möglicherweise beantworten.

„Mithilfe der Gruppendiskussion wollen wir untersuchen, wie die Erlebnisse vom 11. September gemeinsam erzählt, gegenseitig ergänzt und beurteilt werden“, erläutert Projektleiter Prof. Ullrich. Gestalten wir unter diesen Eindrücken die Zukunft anders? [Pressemitteilung]

Es soll sich also nicht lediglich um das Erzählen individueller Erlebnisse handeln, sondern auch um eine Diskussion. Sozialwissenschaftlich könnte man hier also von der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit sprechen. Wie wird erzählt? Was wird erzählt? Was wird erinnert? Wie und was wird ergänzt? Und zentral: wer bewertet was und wie? An dieser Stelle wäre die Untersuchung zu weit mehr in der Lage als lediglich deskriptiv die persönlichen Erlebnisse der Foristen zu sammeln. Hier wäre soziologische Theoriearbeit möglich. Ob nun bspw. Berger und Luckmann oder Harald Welzer, hier könnte eine Fundgrube empirischen Materials entstehen.

Mitte  März wurde dann das Onlineforum in Betrieb genommen und über Pressemitteilungen und verschiedene Newsletter publik gemacht. Anfang September wurden bereits erste Ergebnisse verkündet.

Der 11. September 2001 war ein Tag, der die Welt veränderte. Politik, Wirtschaft oder auch die Kunst wandelten sich radikal. Aber was bewegten die Geschehnisse in jedem einzelnen von uns? Und welche Bedeutung haben die Anschläge auf das World Trade Center für die deutsche Gesellschaft? Soziologen der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben gefragt: „Gibt es eine ‚Generation 9/11‘?“ Durch ein Internetforum kamen sie zu dem Ergebnis: Ja, es gibt sie – wir sind kollektiv verwundet. [Pressemitteilung]

Und auch hier wieder die Konstruktion der Wirklichkeit ohne Beleg. Die schlichte Behauptung alles habe sich radikal gewandelt ist nichts anderes als Ausdruck des persönlichen Empfindens aber ganz gewiss keine wissenschaftlich valide Aussage. Wie dem auch sei, es geht ja um die Generation 911. Und hier haben die Wissenschaftler der UDE ein eindeutiges Ergebnis ihrer Forschung zu präsentieren: „Ja, es gibt sie – wir sind kollektiv verwundet.“ Das ruft gelinde gesagt Erstaunen bei mir hervor. Angesichts des Forschungsdesigns ist eine solch eindeutige Aussage wenig überraschend und dementsprechend wäre es natürlich angemessener hier weniger eindeutig zu formulieren. Selbst wenn die Forumsteilnehmer als Beleg für Menschen genommen werden, denen der 11. September in irgendeiner Weise etwas Besonderes bedeutet, so ist es doch schwierig hier von einer Generation zu sprechen. Handelt es sich um eine Generation Dorsch, wenn ich ein Forum zum Angelsport auswerte?

Wie kommen Prof. Dr. Carsten Ullrich und Dr. Daniela Schiek von der Fakultät für Bildungswissenschaften zu dieser Erkenntnis?

„Ich habe mich nie wieder hundertprozentig sicher gefühlt“, schreibt ein Studienteilnehmer anonym ins Forum. „Ich habe gelernt, mit meinen Ängsten umzugehen, aber meine Unbeschwertheit, die ich vielleicht mit 20 hatte, die fehlt mir.“ Unzählige Kommentare dieser Art folgen. Was sie eint, ist Verunsicherung und Angst. […] Kann man deshalb von einer „Generation 9/11“ sprechen? „Wir gehen weiter davon aus“, erklärt Dr. Daniela Schiek. „In unserer Befragung ist der 11. September für die 30- bis 40-Jährigen zweifelsohne ein gemeinsamer empfindlicher Punkt.“ [Pressemitteilung]

Der selbe Studienteilnehmer, der sich nicht hundertprozentig sicher fühlt, schreibt zwei Sätze später: „Mit 23 hatte ich diverse psychische Probleme und eine Angststörung wurde diagnostiziert. Das hatte viele verschiedene Gründe, aber ich denke ein stückweit hängt es auch damit zusammen.“ Ist das ein Ankerbeispiel für die Generation 911? Kollektiv traumatisiert und Angstgestört durch den 11. September? Etwas mehr Sorgfalt bei der Auswertung des Rohmaterials scheint angebracht zu sein.

Und hier liegt dann auch das Grundproblem der Studie: das empirische Material. War der Grundgedanke über ein Onlineforum an das entsprechende Material zu gelangen noch recht vielversprechend, muss die Umsetzung allerdings als gescheitert betrachtet werden. Laut Forenstatistik vom 04. September 2012 sind lediglich 105 Antworten in vier Unterforen zu verzeichnen.

Unzählige Kommentare dieser Art folgen.

105 Antworten kann man durchaus noch zählen. Zumal sich weniger als die Hälfte auf das Thema beziehen.

Insgesamt haben sich nur 199 Personen angemeldet. 40 Personen verzeichnen einen Beitrag und 14 zwei Beiträge, lediglich bei 6 Personen könnte man überhaupt von einer Diskussion sprechen (mehr als zwei Beiträge), wobei einer davon auch noch der Moderator ist. Insgesamt haben also nur 59 Personen überhaupt ein Beitrag zum Thema im Forum hinterlassen. Ist das die empirische Fundierung der Generation 911?

Denkbar wäre ja nun das immerhin diese 99 Beiträge (abzüglich der sechs Moderatoreneinträge) qualitativ so gehaltvoll sind, dass eine Interpretation möglich und vielleicht sogar geboten ist.

Eröffnet wurde das Forum mit lediglich einem Unterforum mit dem Thema: „Wie habt Ihr den 11. September erlebt?“. Nach lediglich fünf Beiträgen, die direkte Antwort auf die Frage geben, beginnt, was beginnen musste. Wer ein Onlineforum mit inhaltlichem Bezug zum 11. September online stellt, muss damit rechnen, dass Beiträge zum Tathergang eingebracht werden. In den folgenden Tagen gab es unzählige Beiträge, die sich vornehmlich mit der Täterschaft beschäftigten. Das Forscherteam hat sich dann dazu, offensichtlich völlig überrascht und überfordert, hinreißen lassen, Beiträge zu löschen. Am 19. März, vier Tage nach der offiziellen Eröffnung des Forums „mussten“ die Moderatoren weiter eingreifen. Bis dahin waren lediglich 11 Beiträge übrig geblieben, die sich direkt auf die Ausgangsfrage bezogen. 15 Beiträge bezogen sich auf die Frage nach den Tätern.

Liebe Forumsmitglieder,
Wie uns über zahlreiche Beiträge hier im Forum mitgeteilt wurde, ist der Zweck unseres Projektes nicht von allen zur Kenntnis genommen worden. Wir haben das Forum gegründet zum Austausch über persönliche Erfahrungen mit und nach den Ereignissen des 11. September 2001. Andere Themen wie die Untersuchung des Tathergangs vom 11. September waren daher und werden auch zu keiner Zeit Gegenstand unserer Untersuchung sein. Es tut uns leid, wenn es diesbezüglich zu Missverständnissen gekommen ist.
Unsere Forumsregeln sehen aus diesen Gründen vor, dass zu diesem – und nur zu diesem – Thema diskutiert wird. Offtopic-Verhalten ist ein Regelverstoß und entsprechende Beiträge werden, wie bereits geschehen, von unserer Plattform entfernt.
Wir möchten alle Interessierten bitten, diese Regeln zu akzeptieren und freuen uns auf Eure Beiträge und einen regen Austausch. Danke, dass Ihr uns an Euren persönlichen Erfahrungen teilhaben lassen wollt!
Euer Moderator/Innen-Team!

Vier Tage nach Beginn, war das Projekt schon fast gescheitert. Das Forscherteam hatte offensichtlich noch nie etwas von der so genannten (und selbst ernannten) Truther-Bewegung gehört. Hierbei handelt es sich um Aktivisten, die die offizielle Erklärung zu den Abläufen und Verantwortlichkeiten im Zusammenhang mit dem 11. September hinterfragen. Die „Truther“ sind eine völlig heterogene, lose Gruppe, die sich lediglich über ein gemeinsames Interesse definiert. Allerdings sind viele dieser „Truther“ auch  sehr gut vernetzt, weshalb das Forum kurzfristig von einigen Lesern entsprechender Websites dominiert wurde.

Auch wenn zahlreiche Beiträge nichts mit dem Forschungsinteresse zu tun hatten, so ist doch ein Löschen der Beiträge und ein nachträgliches Verändern der Forumsregeln und das Beschränken des Forschungsinteresses auf ein reines Narrativ mehr als problematisch. Es hätte genügend Möglichkeiten gegeben produktiv damit umzugehen.

Mir scheint hier auch ein ganz zentraler Aspekt einer möglichen Generation 911 ausgeblendet worden zu sein. Möglicherweise ist das wofür die „Wahrheitsbewegung“ steht, genau das, was solch eine Studie als Forschungsergebnis hätte präsentieren können. Einige zutiefst verunsicherte Menschen – möglicherweise eine Generation – die nicht bereit ist, die offiziellen Erklärungen zu glauben. Die selbst recherchiert und nicht nur auf die Nachrichtenlieferanten der Mehrheitsgesellschaft angewiesen ist. Die eine Neigung zu „Verschwörungstheorien“ entwickelt. Warum auch immer. Dies ist ja gerade etwas, was untersucht werden müsste. Möglicherweise steht am Ende ja auch die Erkenntnis, dass diese Menschen gar keinen Hang zu abstrusen Verschwörungstheorien haben, sondern dass die offizielle Erklärung abstrus wirkt. Nicht selten werden auch Antiamerikanismus und Antisemitismus unter dem Deckmantel der Kritik verpackt. Ebenso wie islamophobe Erklärungsansätze bemüht werden. Hier hätte die Studie Potenzial gehabt, wissenschaftliche Erkenntnis zu produzieren. Das dies nicht genutzt wurde, lässt die Vermutung entstehen, dass das Ergebnis bereits im Vorfeld fest stand und man nur noch die entsprechenden empirischen Belege gesucht hat. (Dazu gleich mehr!)

Im Anschluss an den Hinweis der Moderatoren wird die Auswertung verunmöglicht. Nicht nur das Beiträge gelöscht wurden. Die Moderatoren haben Beiträge sogar editiert („Der Beitrag wurde wg. Regelverstoß editiert“.) Völlig unverständlich ist dann, wieso andere Beiträge weiterhin bestehen bleiben („Jehova, Jehova“ [1]). Sechs Beiträge zum Tathergang später interveniert das Moderatorenteam erneut. Und im Prinzip ist die Studie damit auch beendet. Es ist keine Diskussion entstanden, Beiträge wurden editiert und gelöscht und ab dem 20. März (fünf Tage nach Beginn!) ebbt die Teilnahme drastisch ab. Weitere 15 Beiträge später (am 31. März) endet die Beteiligung in diesem Unterforum.

Aufgrund der Probleme, die bereits vier Tage nach Beginn der Studie deutlich wurden, eröffnete das Forscherteam ein zweites Unterforum mit dem Titel: „nach 9/11…wie ging es weiter?“. Damit sollten Anregungen der Foristen aufgenommen und einem beginnenden Durcheinander im bis dato einzigen Forum entgegengewirkt werden. Die mangelnde Informationspolitik und Kommunikationskultur des Forscherteams hatte jedoch dazu geführt, dass solange sich hier nichts gravierend ändern würde, keine sinnvolle Studie mehr möglich wäre. Nach nur acht Beiträgen intervenierte das Moderatorenteam auch hier wieder. Und auch hier endete die „Diskussion“ keine zwei Wochen nach deren Beginn. Lediglich zwei „Ausreißer“ sind hier noch zu vermelden. Am 15. Mai und 24. August wird noch einmal der Versuch unternommen das Forum mit Leben zu füllen. Vergebens.

Der Vollständigkeit halber sei noch auf die beiden anderen Unterforen verwiesen. Am 26. März wurde versucht mit „Angst – Wovor?“ das Forum zu retten und die Diskussion neu zu beleben.

Fast alle von Euch berichten in Ihren Beiträgen von Angst, die sie am oder durch den 11. September bekommen haben. Mag sein, dass die geblieben ist und Ihr Euch immer noch bedroht fühlt. Wahrscheinlich ist sie aber doch heute nicht mehr da. Es gab ja auch inzwischen andere bedrohliche Ereignisse. Warum sollte 9/11 mich also mehr beunruhigen als Amokläufe (z.B. Erfurt, Winnenden, Norwegen), die Vogelgrippe oder die Reaktorkatastrophe in Fukushima?

 Völlig undifferenziert und zusammenhanglos werden hier „Angstursachen“ nebeneinander gestellt in der Hoffnung die Teilnehmer würden darauf anspringen. Neun mehr oder weniger inhaltliche Beiträge später ist auch diese „Diskussion“ beendet.

Das Forum wurde Anfang April bereits nicht mehr frequentiert, bzw. wurden seit dem ersten April, zwei Wochen nach der offiziellen Eröffnung, keine Beiträge mehr geschrieben. Nach weiteren vier Wochen versuchte das Projektteam noch einmal das Forschungsprojekt zu retten und die Diskussion anzutreiben. Ein letztes Unterforum wurde eröffnet: „Krieg mit deutscher Beteiligung“. Der Eröffnungsbeitrag des Forschungsteams war allerdings dermaßen tendenziös, dass hierauf niemand mehr antwortete.

Als ich die Bilder von einer Trauerfeier für deutsche Soldaten sah, wurde mir bewusst, dass sich Deutschland tatsächlich in einem Krieg befindet. Formulierungen wie „im Krieg gefallen“ kannte ich zuvor nur aus den Erzählungen meiner Großmutter über den zweiten Weltkrieg – nie hätte ich gedacht, dass Deutschland wieder aktiv in einem Krieg beteiligt sein würde. Die mit der deutschen Flagge bedeckten Särge wirkten bedrückend auf mich, ich dachte an die Hinterbliebenen der Soldatenihre Freunde und ihre Familien. Ich stellte mir außerdem die Frage, wie Soldaten nach dem Verlust anderer Soldaten weiter dort kämpfen können. Wie sind sie damit umgegangen?
Außerdem dachte ich an eine Freundin, die zu dieser Zeit als Entwicklungshelferin in Kabul arbeitete. Sie wohnte dort in einem Randbezirk und war tagtäglich mit dem Krieg konfrontiert. Als Angehörige einer Hilfsorganisation lebte sie in ständiger Bedrohung durch Anschläge. Ich fragte mich, wie sie damit umgeht. [Hervorhebung durch mich]

An diesem Unterforum wird das ganze Dilemma dieser „soziologischen Untersuchung“ deutlich. Das gewollte Ergebnis bestimmte das Vorgehen. Es wurde zu keinem Zeitpunkt versucht tatsächlich etwas herauszufinden, sondern es sollte lediglich Material gesammelt werden, um die eigene These zu belegen. Bereits in dem Artikel „Generation 9/11“? Zur Frage der gesellschaftlichen Verarbeitung der Terroranschläge in Deutschland [2] wird darauf verwiesen:

 „Hiernach können den heute 30- bis 40-Jährigen eine zustimmende Haltung zu Kriegshandlungen, Militär- und Sicherheitsprogrammen sowie eine politische Neupositionierung in Fragen der internationalen Beziehungen attestiert werden.“ [Friedens-Warte]

Und genau danach wurde im Forum auch vehement gefragt und gesucht. Nur hat das dann nichts mehr mit einer soziologischen Untersuchung zu tun. Und wie dieses Beispiel nun auch deutlich zeigt, ist ein Onlineforum nicht so einfach zu steuern, wie man sich das vielleicht mal gedacht hat. Die Community hat dies schnell durchschaut und das Forum mit Nicht-Beachtung gestraft. Es hätte durchaus Möglichkeiten gegeben, die Anfangsfehler zu korrigieren und dem Projekt die Basis zu verschaffen, die es verdient hätte. Denn das Forschungsvorhaben an sich ist ja hochinteressant und bedarf auch immer noch der Bearbeitung. Doch scheint das politische Interesse wichtiger gewesen zu sein, als das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse.

So hat Prof. Dr. Carsten G. Ullrich am 1. Juni 2012 auf den Webseiten der „Atlantischen Initiative“ einen Beitrag mit dem Titel „Generation 9/11 in Deutschland“ veröffentlicht, der viel über den Autor und auch das Projekt aussagt.

In den USA ist die “Generation 9/11″ bereits seit Längerem ein etablierter Begriff für die heute 30-40 Jährigen, mit dem sie sich auch selbst identifizieren. Abgesehen von schnellen medialen Zuschreibungen dieses Generationstitels an jeweils unterschiedliche Altersgruppen kurz nach dem Ereignis wurden die Wirkungen der Anschläge auf die Lebenswege und politischen Haltungen in den USA bereits auch empirisch untersucht. Hiernach markiert diese Altersgruppe einen Bruch mit der “Generation Vietnam” und einen entsprechenden Generationswechsel. Während sich die älteren Jahrgänge durch Kriegsproteste und eine antimilitaristische Haltung kennzeichnete und sich junge US-AmerikanerInnen seit den 1970er Jahren bis 2001 beim Militärdienst zurückhielten, besitzt die Altersgruppe der 30-40-Jährigen eine sehr viel stärkere Loyalität gegenüber Militär-, Sicherheits- und Geheimdienst und eine sehr viel stärkere Bereitschaft zur Mitarbeit in der Army, den Marines, dem FBI und dem CIA. Ihre politischen Haltungen haben sich als solche überhaupt erst herausgebildet oder zumindest haben sich diese verstärkt – 9/11 hat zu einer Politisierung dieser Altersgruppe geführt. Dies betrifft v.a. die internationalen Beziehungen, die von “9/11ern” als nunmehr wichtiger eingestuft werden. [Atlantische Initiative]

Die Aussage bleibt etwas unklar. Ist nun die „Loyalität gegenüber Militär-, Sicherheits- und Geheimdienst“ die zunehmende Politisierung? In diesem Falle könnte man wohl gleichberechtigt von zunehmender Entpolitisierung sprechen. Denn was ist schon Politisierung an der kollektiven Genese des autoritären Charakters? Distanzlosigkeit gegenüber autoritativen Systemen ist nicht gerade politische Emanzipation. Und Abkehr von demokratischen Prozessen, völkerrechtlichen Regeln und humanistischen Idealen kann zwar durchaus auch als Politisierung beschrieben werden, treffender scheint mir dennoch Militarisierung und Entdemokratisierung der Gesellschaft zu sein.

Leider existieren zu der Frage, ob sich in Deutschland eine “Generation 9/11″ herausgebildet hat – wie überhaupt zur Frage nach den gesellschaftlichen Wirkungen von 9/11 – bisher noch keine Untersuchungen. Zwar liegen Hinweise aus Kunst und Literatur darauf vor, dass die heute 30- bis 40-Jährigen 9/11 thematisieren – und dies als Zäsur und Wunde.  […] Dabei ist davon auszugehen, dass sich die “Generation 9/11″ in Deutschland vor allem um die Punkte Antiamerikanismus, Antisemitismus, Sicherheits- und Außenpolitik herum entfaltet. [Hervorhebung durch mich]

Und wenn man das alles erst einmal behauptet hat, muss man natürlich nachträglich auch die Ergebnisse liefern. Sogar die Wortwahl wiederholt sich. Hier: Zäsur und Wunde. Und in der Pressemitteilung vom 04.September: wir sind kollektiv verwundet (s.o.). Warum dieses gewollte und bemühte Ergebnis?

Es geht nicht darum, dass das nicht stimmen kann, was Ullrich dort spekuliert. Mir scheint sogar vieles für seine Annahmen zu sprechen. Nur ist es insofern problematisch, als das hier die Untersuchungsergebnisse vorweg genommen werden. Hier scheint es ein transatlantisches, ideologisches Interesse an der Produktion von Ergebnissen und somit auch an der Produktion gesellschaftlicher Wahrheit gegeben zu haben.

Die Bedeutung der “9/11″-Ereignisse als historische Zäsur lässt sich nur anhand der Entstehung einer neuen Generation und eines neuen Generationsbewusstseins aufzeigen.

Ziel der Studie ist also das Feststellen der Entstehung der Generation 911. Mit diesem Forschungsdesign wäre das auch ohne Probleme möglich gewesen.

Um zu untersuchen, wie die Anschläge in Deutschland erlebt, interpretiert und kommuniziert werden, haben wir an der Universität Duisburg-Essen ein Online-Diskussionsforum initiiert, das sich insbesondere an die Altersgruppe der 30-40 Jährigen richtet und diese einlädt, sich unter www.nach911.de aktiv zu beteiligen.

Da lässt sich nur schließen, dass das Online-Diskussionsforum gescheitert ist. Betrüblicher als das Misslingen des Forums ist allerdings der Versuch des Forschungsteams aus den wenigen brauchbaren Beiträgen auch noch eine Generation 911 zu konstruieren. Wenn wir Soziologen versuchen wollen soziale Geschehenszusammenhänge zu verstehen und zu erklären und damit auch gesellschaftliche Prozesse besser steuerbar zu machen, dann kann dies nur gelingen wenn wir ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Redlichkeit an den Tag legen. Ansonsten produzieren wir – ebenso wie Politiker – lediglich ideologische Orientierungsmuster. Und damit wären wir dann überflüssig.


[1] In Anspielung auf den Film „Das Leben des Brian“. Dies wird im Film gerufen, da es verboten ist den Namen des Herrn auszusprechen. Das dient wohl als Anspielung darauf, dass es im Forum nicht mehr erlaubt war, bestimmte Zusammenhänge zu erwähnen.

[2] Schiek, Daniela und Ullrich, Carsten G. (2011): „Generation 9/11“? Zur Frage der gesellschaftlichen Verarbeitung der Terroranschläge in Deutschland. In: Die Friedens-Warte. Journal of International Peace and Organization. Bd. 86, H. 3-4: 10 Jahre Krieg gegen den Terror, S. 165-184.

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2 Kommentare on “Generation 911 – Zur soziologischen Konstruktion der Wirklichkeit”

  1. bobrobotboy sagt:

    Bezüglich 9/11 wird die Wirklichkeit auch andernorts konstruiert.Ob im TV, in Onlinemedien (SPON,Zeit..) oder auf Wikipedia:Das Löschen von sachlichen, mit sauberen Quellen belegten Beiträgen unter dem Vorwand „Verschwörungstheorie!“ ist die Regel.
    http://machtelite.wordpress.com/2011/08/31/der-zehnte-jahrestag-der-anschlage-vom-11-september-2001/

  2. Arkadius Stosur sagt:

    Beispiele gibt es jedenfalls mehr als genug. Selbstverständlich unterliegt einiges davon Interpretationen, jedoch ist bei näherem Hinsehen ein gewisser Trend zu beobachten.

    Mich erschreckt immer wieder mit welcher Selbstverständlichkeit, Akademiker und sogennante Experten auf ihren Verstand und ihren Scharfsinn verzichten, wenn es um ihre Karriere bzw. Reputation geht.
    Das Wesen der Wissenschaft soll, nein muss Wahrhaftigkeit sein. Leider bieten die Methodologien der Sozialwissenschaften immer gewisse Spielräume.
    Aber ohne Wahrhaftigkeit ist es nichts weiter als eine Farce, ein selbstinszeniertes Schauspiel und im Schlimmstfall gerade mal eine beruhigende Lüge…..

    Scheinbar lehrt die Geschichte den Menschen wirklich nur, dass die Geschichte den Menschen nichts lehrt……


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