Generation 911 – Das Gefühl überlebt zu haben

Pünktlich zum 11. September wird die Ergebnispräsentation der UDE „Studie“ (siehe hier und hier) medienwirksam begleitet. Und wenn schon nicht die Forschung professionell ist, so ist es doch wenigstens die Pressearbeit. Wenn es so weiter geht, kann ich mein Notizblog auch weiterhin mit dieser Studie füllen. Es gibt da so einiges zu lernen.

 „Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt verändert.“ (WDR)

Man fühlt sich fast ans Rosenkranzbeten erinnert. Die Welt hat sich verändert, verändert, verändert… Nach dem wichtigen „Opener“, kommen die alles entscheidenden Fragen:

 „Auch den Alltag? Gibt es in Deutschland eine „Generation 9/11“ wie in den USA?“ (WDR)

Der 11. September hat also die Welt (!) verändert, aber beim Alltag sind wir uns da nicht so sicher.  Entscheidender soll hier aber das mögliche Leitmotiv sein:  Ist es so wie in den USA?

 „Die Wissenschaftler hatten auf ihrer Internetseite 30- bis 40-Jährige aufgefordert, an dieser Gruppendiskussion teilzunehmen und haben dann abgewartet, wer sich beteiligt. Was das für Menschen sind, wissen sie nicht. Das Forum war von 15. März bis Ende August diesen Jahres geöffnet. 199 Mitglieder haben sich dort angemeldet, 109 Einträge wurden gezählt. Wer angemeldet war, konnte jederzeit etwas schreiben.“ (WDR)

Wenn ich anfangs noch freundlich von mangelhafter Durchführung, Überforderung oder vielleicht einfach etwas zu viel Engagement ausgehen wollte, kann man jetzt schon fast von bewusster Ergebnisverfälschung reden. Natürlich war das Forum bis Ende August geöffnet. Faktisch hat dort aber bereits nach zwei Wochen niemand mehr geschrieben (107 der 109 Beiträge sind innerhalb der ersten zwei Wochen geschrieben worden). Hier soll der Eindruck erweckt werden, die Studie hätte einen langen Zeitraum eingenommen. Das ist nachweislich nicht richtig. Realiter ist der Erhebungszeitraum des empirischen Materials nach 14 Tagen beendet. Auch die Verhältniszahlen der 199 angemeldeten Foristen und der 109 Beiträge soll den Anschein „relativ vieler“ inhaltlicher Beiträge erwecken. Aber auch das ist nachweislich nicht richtig. Wie ich bereits aufgezeigt hatte, haben von den 199 Angemeldeten lediglich 59 Personen einen Beitrag geschrieben. Hier wird mit den Zahlen getrickst, um den Anschein valider empirischer Fundierung zu erwecken. Wirklich unverschämt wird es aber, wenn es heißt:

 „Wer angemeldet war, konnte jederzeit etwas schreiben.“ (WDR)

Das ist nicht nur nicht richtig, das ist schlichtweg gelogen. Wie u.a. auf telepolis aufgezeigt wurde und wie ich auch beschrieben habe, wurden zahlreiche Beiträge gelöscht und editiert. Das passt nun ganz und gar nicht zur Behauptung jeder hätte jederzeit etwas schreiben können. Vielleicht helfen auch noch andere Fakten um die Zahlen in die richtigen Relationen zu bekommen. Im Hauptforum der Studie „Wie habt Ihr den 11. September erlebt?“ wurden „69 Antworten“ geschrieben. Auf das Forum wurde aber 17.916 mal zugegriffen. Wer sich mit Internetforen auskennt, weiß, dass es durchaus eine recht hohe Anzahl an „Nur-Lesern“ gibt. Aber dieses Verhältnis ist absurd. Vielmehr ist die sehr hohe Zugriffszahl ein letzter Hinweis darauf, dass es anfangs eine rege Beteiligung im Forum gab. Bis diese eben wegmoderiert wurde.

Es wäre eine Kleinigkeit für die Soziologen der UDE darauf zu verweisen, dass bei ihrer „Pilotstudie“ leider einige handwerkliche Fehler gemacht wurden und deshalb nur wenige Beiträge ausgewertet werden können. Eine Gruppendiskussion hat zu keinem Zeitpunkt stattgefunden, weshalb wichtige Analysen (Diskurs-) nicht vorgenommen werden konnten. Unredlich wird es, wenn auf all diese Probleme nicht hingewiesen wird. Wenn der Eindruck erweckt werden soll, als handele es sich um eine ganz normale Studie, die zu ganz normalen Ergebnissen gekommen ist. Soziologischer Forschungsalltag also. Aber dem ist nicht so.

 „Weil diese kleine Pilotstudie absolut nicht repräsentativ ist, sind die Ergebnisse für die NRW-Wissenschaftler nur erste Anhaltspunkte und in jedem Fall Grund genug, um weiterzumachen. Sie analysierten, wie die Teilnehmer in ihren Einträgen vom „Tag des Terrors“ gemeinsam erzählen und ihn beurteilen.“ (WDR)

Ein gemeinsames Erzählen hat nicht stattgefunden, dementsprechend auch kein gemeinsames beurteilen. Sicher. Genau das hätte man als Soziologe benötigt, um Forschungsergebnisse zu präsentieren, aber was nicht ist, kann man doch nicht einfach behaupten.

„Tatsächlich kommen wir anhand der Pilotstudie zu dem Schluss, dass sich eine Generation 9/11 herausbildet.“ Von „einer Generation“ sprechen Forscher, wenn große weltpolitische Ereignisse die Einstellungen vieler verändern, was wiederum die Gesellschaft beeinflusst. Der Vietnamkrieg zum Beispiel hat die 68er-Generation hervorgebracht.“ (WDR)

Wie die „Forscher“ zu diesem Schluss kommen, bleibt völlig im Dunkeln. Und angesichts der Generationen-Definition frage ich mich, ob die Relationen den Realitätsabgleich verweigern. Mal ganz abgesehen davon, dass der Vietnamkrieg ganz sicher nicht die 68er-Generation hervorgebracht[1] hat, scheint mir die Generation 911 irgendwie weniger präsent und wirkungsmächtig.

 „Die UDE-Forscher waren überrascht von der großen Betroffenheit und Verunsicherung, die sich in den Einträgen widerspiegeln. „Ich habe mich nie wieder hundertprozentig sicher gefühlt“, schreibt einer anonym und fügt hinzu: „Ich habe gelernt, mit meinen Ängsten umzugehen, aber meine Unbeschwertheit, die ich vielleicht mit 20 hatte, die fehlt mir.“ (WDR)

Wieso sollten die UDE-Forscher überrascht gewesen sein? Darauf beruht doch die Ausgangsthese?! Es folgt wieder das permanent bemühte Beispiel, dass aber keines ist.

 „Es melden sich aber auch welche zu Wort, die behaupten, keine Angst zu haben. „Es ist ihnen wichtig, genau das mitzuteilen. Auch das spricht dafür, dass ein gemeinsames Bewusstsein in dieser Altersgruppe nachhaltig geprägt wird“, erklärt Schiek.“ (WDR)

Immerhin gebe ich einem Teil der Interpretation Recht. Die Behauptung keine Angst gehabt zu haben wird auf dem gemeinsamen Erfahrungshintergrund getroffen zu wissen, dass viele Menschen Angst hatten. Natürlich sind die Ereignisse des 11. September Teil des sozialen Habitus geworden. Aber rechtfertigt eine gemeinsame Erfahrung die Kategorisierung zu einer Generation 911?

 „Im Focus stand die Altersgruppe der heute 30- bis 40-Jährigen, weil die Frauen und Männer „zum Zeitpunkt der Terroranschläge in einem Alter waren, in dem sie ihre erste globale Gewalterfahrung gemacht haben“. Die Älteren hätten schon den Kalten Krieg und die atomare Aufrüstung mitbekommen.“ (WDR)

Was soll denn bitte eine globale Gewalterfahrung sein? War der Golfkrieg der USA keine globale Gewalterfahrung? Was war mit den Kriegen in den 90ern in Europa? Hieran wird ganz offensichtlich, dass das Beispiel aus den USA das Denken der UDE-Soziologen eingenommen hat. In den USA spielen diese Gewalterfahrungen selbstverständlich keine besondere Rolle. Kriegsteilnahmen sind in den USA Teil des sozialen Habitus. Allerdings sind die Terroranschläge vom 11. September auch in den USA keine globale Gewalterfahrung, sondern eine lokale. Ob es in den USA eine Generation 911 gibt, vermag ich nicht zu beurteilen. Die persönliche Betroffenheit vieler Amerikaner ließe dies aber erheblich plausibler erscheinen als eine deutsche Generation 911.

 „Was über die Betroffenheit hinaus ein gemeinsames Thema einer deutschen Generation 9/11 sein könnte, wissen die NRW-Wissenschaftler noch nicht.“ (WDR)

Wie auch, wenn man weite Teile des empirischen Materials löscht.

 „Schiek: Wir können uns kaum vorstellen, dass eine Altersgruppe, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie kollektive Gewalt erfahren hatte, die Ereignisse vom 11. September unbeeindruckt wahrgenommen hat. Unser Ziel ist also, ein Grundmuster zu finden, in dem sich die Altersgruppe der heute 30- bis 40-Jährigen wiederfindet.“ (WAZ)

Die Altersgruppe hat hoffentlich auch bis heute noch nie kollektive Gewalt erfahren. Hier wird ein wenig undifferenziert mit Begriffen hantiert. Mir ist überhaupt nicht klar, was das bedeuten soll. Soll das etwa bedeuten, dass die Terroranschläge in den USA eine direkte Bedrohung der 20-30igjährigen in Deutschland darstellen sollte?

 Schiek: Das Internetforum war eine Pilotstudie. Damit wollten wir herausfinden, ob es sich lohnt, weiter zu forschen. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass der 11. September einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat – speziell bei denen, die zwischen 1971 und 1981 geboren wurden. (WAZ)

Das ist doch absurd. Ich frage in einer Studie explizit die 30 bis 40jährigen nach ihren bleibenden Eindrücken in Bezug auf 911 und bekomme als Ergebnis: „einen bleibenden Eindruck … speziell bei denen, die zwischen 1971 und 1981 geboren wurden.“

Schiek: Wenn man es pathetisch sagen will, sind sie verunsichert dadurch, wozu Menschen fähig sind . Zuvor kannten sie Schilderungen einer anderen Generation, in denen man sich im Krieg in einen Bunker gerettet hat. (WAZ)

Was ist daran pathetisch? Nun denn. Wollte man den obigen Satz interpretieren, würde dieser Artikel eine neue Richtung bekommen.[2]

 „Dadurch sind viele Orte für sie symbolisch aufgeladen . Jemand hat zum Beispiel geschildert, dass er unruhig wird, wenn in einer U-Bahn Rauch entsteht. Ansonsten bleibt die Angst oft diffus.“ (WAZ)

Ich wage mich jetzt mal ganz weit vor und behaupte: sollte man eine Vollerhebung unter Berliner U-Bahn-Nutzern machen, würde wohl herauskommen, dass nicht nur die Generation 911 unruhig wird, wenn in einer U-Bahn Rauch entsteht.

Wenigstens wurden offensichtlich einige Kritikpunkte, die der Studie entgegengebracht wurden, aufgenommen.

Könnten Sie dann nicht feststellen, dass es die „Generation 9/11“ vielleicht doch nicht gibt? Im Forum haben sich ja vielleicht nur diejenigen angemeldet, die das Thema besonders beschäftigt …

Schiek: Weil es sich um ein Internetforum handelt, ja. Allerdings lässt sich generell nicht gut statistisch messen, wie viele bei einer Generation „mitmachen“. Beispielsweise gehen wir davon aus, dass es auf die Frage nach der Betroffenheit nicht nur die Antworten „ja“ und „nein“ gibt. Auch jemand, der angibt, er fühle sich vom 11. September nicht betroffen, hält die Ereignisse vielleicht  mühevoll  auf Distanz und beschäftigt sich so doch auch stark mit ihnen. In diesem Fall ist also auch Nichtbetroffenheit eine Form der Betroffenheit. (WAZ)

Das erinnert doch stark an eine Anekdote die eine Psychologin aus Russland gerne erzählt hat. Wenn ein Patient in die Psychiatrie kommt, wird er gefragt, was denn sein Problem sei. Antwortet er, sein Problem sei dieses und jenes, weiß der Psychiater sofort: Ach ja. Ein Neurotiker. Antwortet der Patient aber, er habe kein Problem, weiß der Psychiater: Ach ja, Ein Psychotiker.

Was wird in der Studie jetzt eigentlich genau untersucht? Das Ergebnis steht jedenfalls fest. Die Generation 911 gibt es auch in Deutschland. Was sie auszeichnet? Keine Ahnung. Hauptsache es gibt sie. Was ist der Erkenntnisgewinn der Studie? Keine Ahnung. Hauptsache es gibt sie.

Aber ein gutes Interview wäre kein gutes Interview, wenn der Spannungsbogen nicht bis zum Ende aufgebaut werden würde:

 Schiek: […]Durch diese soziale Erfahrung hinterlassen viele herausragende Ereignisse der Geschichte ihre Spuren bei den Menschen. Auch entsteht ein wenig das Gefühl, den 11. September nicht nur erlebt,   sondern auch überlebt zu haben – und diese eigene Wunde ist für den Einzelnen viel authentischer als die Kriegsmale der Älteren. (WAZ)

Das nenne ich mal eine steile These. Chapeau! Ich habe schon wirklich viel gelesen und gehört zum Thema 11. September. Aber die Behauptung, dass viele Menschen die 911 am Fernseher verfolgt haben, das Gefühl haben eben diesen überlebt zu haben (also 911, nicht den Fernseher), die Behauptung ist neu. Da reicht es also nicht mehr aus die gute alte Identifizierung zu bemühen oder auf Empathie zu verweisen. Nein, da klafft wieder die kollektive Wunde des Einzelnen, die sogar noch authentischer (sic!) ist, als die Kriegsmale der Älteren.

Und weil Angriff bekanntlich die beste Verteidigung ist:

Schiek: Es gab Versuche, die Diskussion genau in eine andere Richtung zu lenken – und damit auch Kritik an unserer Fragestellung. Letztlich ging es darum, dass wir nicht den Tathergang selbst diskutieren lassen wollten. Für uns stehen die emotionalen Reaktionen im Mittelpunkt. (WAZ)

Wie meinen? Das ist dermaßen verschwurbelt, das kann man nicht mal wirklich kritisieren. Wird hier ein Problem benannt oder eine Tatsache festgestellt? Und wie wurde mit dem einen oder dem anderen umgegangen?

Jetzt haben wir die Ergebnisse pressewirksam erzählt bekommen. Ich hoffe der nächste Schritt ist dann eine wissenschaftlich aufbereitete Ergebnispräsentation. Denn bisher ist a) die Studie handwerklich mangelhaft und b) die Ergebnisse bloße Behauptungen (aufgrund mangelhaften Materials). Im besten Falle haben wir es immernoch mit einem Kommunikationsproblem der UDE-Soziologen zu tun und die Ergebnisse sind valide und spannend nur die Presse kann es nicht richtig vermitteln. Möglich wäre es.

 

*update* 12. September: Es ist mir erst jetzt aufgefallen, dass behauptet wird es gäbe 109 Beiträge im Forum. Das hat durchaus Unterhaltungswert und deutet ein weiteres mal auf eine wirklich schlechte Auswertung der Daten hin. Denn faktisch gibt es nur 105 Beiträge im Forum. Wie man hier sehen kann gibt es 27+0+69+9 Beiträge, die man hätte auswerten können. Das sind nun mal nur 105! Auf der Startseite des Forums werden immernoch 109 Beiträge angezeigt. Das ist aber lediglich ein Darstellungsproblem! Bei der Auswertung hätte ja auffallen müssen, dass n gleich 105 ist und nicht 109. Da frage ich mich, ob überhaupt klassisch ausgewertet wurde. Und wie kommt es nun zur Fehldarstellung auf der ersten Seite? Das Forum hat noch ein verstecktes Unterforum, dass nicht gelöscht, sondern nur ausgeblendet wurde. Es ist ein systemgeneriertes Forum, dass bei der Installation des Forumssoftware mit eingerichtet wurde. Es konnte nie direkt aufgerufen werden, allerdings war es über Umwege erreichbar. Hier hatten zwei user und ein Moderator Beiträge zur diesem technischen Problem geschrieben. Daher stammen wohl die vier Beiträge, die man nicht mehr sehen kann. Das hätte auffallen müssen!

 


[1] Er ist eine notwendige Bedingung aber keine Ursache. Dazu gehört mindestens noch ein Generationenkonflikt und in Deutschland die Nichtaufarbeitung des Zweiten Weltkrieges.

[2] Nur mal kurz als Hinweis. Die Schilderungen zuvor, waren wohl kaum die Schilderungen, wie sich die Deutschen vor den Angreifern in Bunker retten mussten. Es waren wohl eher die Geschichten wie sich andere vor den deutschen Angreifern in Bunker retten mussten.

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