Diskussion zum Forschungsprojekt Generation 9/11

Dieser Artikel ist etwas ungewöhnlich, da ich eine Diskussion in den Kommentaren zu einem anderen Artikel hervorhole. Das liegt vor allem daran, dass eine weitere Diskussion mit der Kommentarfunktion zu einem sehr verschachtelten Ergebnis führen würde. Zumal zunehmend weniger Platz wäre. Zum anderen finde ich die Diskussion auch sehr fruchtbar, insofern hat sie eben auch einen neuen Artikel verdient.

Im schlimmsten Falle fühlt sich eben nur eine Person angesprochen, nämlich Beate.

– naja: Du scheinst schon davon auszugehen, dass die UDEler naiv und unwissend “forschen”, z.B. die Forschung in den USA nicht überprüft haben, und daher auch nicht, wie du bemerkt haben möchtest, auf der Basis wissenschaftlicher Generationenforschung arbeiten – sei’s aus USA-affiner Propaganda und zu geringer Distanz oder schlichter Unwissenheit (geht ja auch alles zusammen). Auch wenn Du das beweisen könntest (Du wirst ja jetzt nicht, genau wie du sagst, “nebenbei” den Stand der Generationenforschung aufgearbeitet und deinerseits reflektiert haben können), scheint mir hier ein eigentümliches Verständnis von Kritik gegenüber Experten und Wissenschaftlern vorzuliegen.

Ich gehe sehr wohl davon aus, dass die UDEler erst einmal den Stand der Forschung zusammengetragen haben. Klar. Warum auch nicht? Und ich habe ja auch mehrfach gesagt, dass ich einige Ansätze von Ullrich und Schiek für richtig halte und dass auch manches für einige ihre Annahmen spricht. Und selbstverständlich habe ich die Generationenforschung nicht aufgearbeitet. Das liegt jenseits meiner Behauptungen und weit jenseits meiner Interessen. Ich gehe allerdings auf das ein, was von Seiten der UDE bzw. Ullrich behauptet wird.

In den USA ist die “Generation 9/11″ bereits seit Längerem ein etablierter Begriff für die heute 30-40 Jährigen, mit dem sie sich auch selbst identifizieren. Abgesehen von schnellen medialen Zuschreibungen dieses Generationstitels an jeweils unterschiedliche Altersgruppen kurz nach dem Ereignis wurden die Wirkungen der Anschläge auf die Lebenswege und politischen Haltungen in den USA bereits auch empirisch untersucht. [Generation 9/11 in Deutschland]

Und das lässt sich so nicht nachvollziehen. Wenn es sich um einen etablierten Begriff handelt, müsste der dann nicht relativ einfach zu recherchieren sein? Und ich finde fast ausschließlich „Millenials“. Das bedeutet ja nicht, dass es nicht auch Arbeiten gibt, bei denen eine Generation 9/11 nachgewiesen wurde.[1] Nur bedeutet etabliert ja etwas anderes als „kommt auch vor“. Aber dieses m.E. eh geringe Problem würde sich vermutlich mit dem Veröffentlichen eines Forschungsberichts erledigen. Da würde dann ja sicherlich auf die entsprechenden Studien verwiesen.

Im Übrigen habe ich nie von USA-affiner Propaganda gesprochen, warum auch? Das Engagement und Distanzierungsmodell erklärt es hinreichend, ohne dass man sich selbst engagierter Begriffe bedient. Oder wie ist der oben zitierte Artikel bei der Atlantischen Initiative zu verstehen? Das ist ja nicht gerade ein Fachorgan der Soziologie.

Die Atlantische Initiative e.V. (AI) wurde 2004 als unabhängiger, überparteilicher Verein gegründet. Wir wollen mit unserer Arbeit einen Beitrag zur Stärkung der transatlantischen Beziehungen und der außenpolitischen Kultur in Deutschland leisten. Darüber hinaus liegt uns besonders die Förderung der zukünftigen Generation von Entscheidungsträgern am Herzen.

Wir verfolgen diese Ziele seit 2004 mit dem deutschsprachigen Newsletter “Global Must Reads” mit Zusammenfassungen der besten Analysen und Studien, seit 2007 mit der offenen Denkfabrik atlantic-community.org mit über 6000 Mitglieder aus Nordamerika und Europa, und seit neustem auch mit dem Blog “Deutschlands Agenda” über die Außenpolitik der Bundesrepublik. [Über uns]

Ein thinktank ist wohl eher ideologisch denn wissenschaftlich motiviert. Wie dem auch sei. Selbstverständlich ist es legitim sich als Wissenschaftler auch politisch zu engagieren. Nur tritt man dann eben nicht mehr als Wissenschaftler auf, sondern als Politiker. Das sollte man dann auch so kommunizieren. Aber versteh mich nicht falsch. Das sind für mich keine entscheidenden Probleme bei der ganzen Diskussion. Es sind lediglich Erklärungszusammenhänge, die möglicherweise helfen zu verstehen, wie es zu den zu kritisierenden Situationen im „Feld“ kommen konnte.

Aber die Verteidigung der UDEler ist nicht mein Anliegen – meine Frage ist: hälst Du es für möglich, dass auch Du befangen bist bzw. glaubst Du, dass Dein Anliegen in Bezug auf 9/11 im Gegensatz von dem der Duisburger nicht politisch/engagiert sondern wissenschaftlich/distanziert ist? In Deinen Beiträgen und Kommentaren klingt es so, als hättest Du ein richtiges Ergebnis bereits im Kopf und ales, was diesem bereits festgelegtem Ergebnis widerspricht, kann dann ja nur unseriös und falsch sein?

Engagement ist notwendig, wenn man sich mit einem sozialen Geschehenszusammenhang auseinandersetzen möchte. Sonst würde man nicht einmal die notwendige „Energie“ aufbringen sich längerfristig damit zu beschäftigen. Insofern: selbstverständlich bin auch ich „befangen“, insofern, dass mich der Gegenstand und die Forschung interessiert. Nur geht es weder um meine politische Einschätzung noch um die politische Einschätzung der UDEler. Es geht um wissenschaftliche Distanz, um Gültigkeit der Aussagen und Methoden sowie dem Feld angemessene Verfahren und Instrumente. Meine Kritik bezieht sich auf die Studie, die Vorgehensweise und auf die präsentierten Ergebnisse.

Selbstverständlich habe ich auch eine Vorstellung davon, was wohl ein angemessenes Ergebnis wäre. Nur ist das gar nicht relevant. Ich habe beispielhaft mit der qualitativen Inhaltsanalyse ein Forum relativ zügig ausgewertet – und ein durchaus nachprüfbares Ergebnis präsentiert. Wenn man sich auch sicherlich über Kriterien und Kategorien usw. austauschen kann. Mittlerweile habe ich das gesamte Forum noch einmal mit der qualitativen Inhaltsanalyse und entsprechender Software ausgewertet. Zwei Kategorien sind dabei dominant: Skeptizismus und Angst (mal abgesehen von der größten Kategorie: kein Bezug zum Thema). Die UDEler präsentieren aber ein eindeutiges Ergebnis.

Tatsächlich kommen wir anhand der Pilotstudie zu dem Schluss, dass sich eine Generation 9/11 herausbildet. (siehe auch hier)

Das Forschungsdesign lässt diesen Schluss gar nicht zu. Das hatte ich an anderer Stelle schon beschrieben. Die Frage der UDE war nämlich nicht „Gibt es eine Generation 9/11“ – auch wenn das behauptet wird. Das wäre mit dieser Studie gar nicht zu belegen. Die Frage war „Wodurch zeichnet sich die Generation 9/11 aus?“. Mit der Einrichtung des Forums ist die Generation 9/11 bereits behauptet worden. Dort konnte nur Material gesammelt werden, was die Selbst- und Fremdzuschreibungen betrifft.

„Was über die Betroffenheit hinaus ein gemeinsames Thema einer deutschen Generation 9/11 sein könnte, wissen die NRW-Wissenschaftler noch nicht.“

„Schiek: Wir können uns kaum vorstellen, dass eine Altersgruppe, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie kollektive Gewalt erfahren hatte, die Ereignisse vom 11. September unbeeindruckt wahrgenommen hat. Unser Ziel ist also, ein Grundmuster zu finden, in dem sich die Altersgruppe der heute 30- bis 40-Jährigen wiederfindet.“

Richtig ist, dass es Betroffenheit gab. Richtig ist auch, dass viele Teilnehmer von Angst sprechen. Das kann doch aber nicht das Ergebnis der Studie sein, oder? Wie gesagt, mindestens die skeptischen Äußerungen sind ein mit dem Material aus dem Forum belegbares „Grundmuster“.

Ich hätte da auch noch einige erfahrungsbasierte Annahmen zu treffen: Ich vermute, dass Fremdenfeindlichkeit, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – Islamophobie ein zentrales Empfindens- und Verhaltensmuster geworden ist. Das kann man nur leider gar nicht mit dem Material belegen. Auch schätze ich, dass Antiamerikanismus und Antisemitismus erheblich zugenommen haben. Da braucht man sich nur mal das Forum von Spiegel Online ansehen. Aber: Auch das ist mit dem Material der Studie nicht zu belegen. Und das ist Schade. Denn das Potenzial war ja da.

Ich verwehre mich allerdings dagegen, dass mit dem vorhandenen Material, dass ja aus mehrfacher Hinsicht problematisch ist, nun eine Generation 9/11 konstruiert wird. Möglicherweise wird damit eine Debatte dominiert ohne dass die behaupteten Ergebnisse valide sind! Das ist das Problem!

Ich verstehe nämlich Dein Problem nicht recht – vieleicht liege ich jetzt auch völlig falsch, aber dass die sich nicht auf die “Trolle” und “Verschwörungstheoretiker” eingelassen und dadurch ihre Forschung beeinflussen lassen haben, ist erstmal nicht unredlich, oder? Bei Wahlen gibt es ja auch Stimmzettel, die nicht mitgezählt werden: Wenn Sie ungültig sind.Und damit der Bürger weiß, wann das der Fall ist, steht das auf dem Stimmzettel. Findest Du das auch unredlich? Oder Stimmenverschwendung seitens wohlgemerkt der Auszähler?

Vielleicht habe ich das Problem mit den gelöschten und editierten Beiträgen noch nicht klar genug herausgestellt. Das mag sein. Sicherlich gab es völlig sinnfreie Beiträge, aber es gab eben auch eine ganze Menge Beiträge, die durchaus als normales Material in Frage gekommen wären, vorausgesetzt man wäre ergebnisoffen vorgegangen. Ab wann ist denn ein Troll ein Troll? Ab wann ist es eine Verschwörungstheorie? Oder sind das nicht sogar herrschaftssichernde Instrumente der Stigmatisierung und Abwertung? Zumindest ist es nicht so einfach, wie es sich die UDEler gemacht haben.

Das Löschen und Editieren von Beiträgen ist bereits interpretative Arbeit. Auch ist die spätere Auswertung der übriggebliebenen Beiträge alles andere als gültig. Denn niemand kann mehr nachvollziehen was, wann, warum gelöscht wurde. Es hätte ja auch ganz andere Möglichkeiten gegeben mit der Situation umzugehen. Mein Vorschlag war z. B. verschiedene Unterforen einzurichten. Dann hätten sich die „Truther“ eben in einem Unterforum ausgetobt, was man komplett so hätte archivieren können (um Validität herzustellen) und dann begründet eben nicht auswertet. Nicht auswerten ist aber nun mal etwas anderes als Löschen. Weshalb auch das Beispiel mit den Stimmzetteln mehr als hinkt. Denn die Stimmzettel werden sehr wohl gezählt (sie gehen in die Wahlbeteiligung mit ein), sie gehen nur nicht in die Auswertung mit ein. Allerdings habe ich noch nicht davon gehört, dass die Stimmenauszähler die ungültigen Stimmzettel „löschen“. Und dann eben ab und an auch einen Gültigen mit wegwerfen. Dass es dann zu frappanten Verzerrungen kommen könnte, ist bei dem Beispiel doch auch sofort einsichtig! Zumal, was würde bei einer erneuten Auszählung passieren? Und genau darum geht es doch auch in der interpretativen Sozialforschung. Die Studienergebnisse müssen nachvollziehbar und ansatzweise (bei gutem Willen und so) auch von anderen Wissenschaftlern replizierbar sein. Das sind sie aber in dem Moment nicht mehr, wenn die „Stimmenauszähler“ nicht nachvollziehbar interpretieren anstatt zu zählen.

Bleiben wir bei dem Beispiel: Bei der ersten Auszählung wird festgestellt, dass die NPD auf etwa 5 Prozent der Stimmen kommt. Der Wahlleiter sieht seine Chance und fordert eine erneute Auszählung der Stimmen. Bei der zweiten Auszählung kommt die NPD dann nur noch auf 2 Prozent der Stimmen – denn die Stimmenauszähler haben ziemlich frei interpretiert. Gesellschaftlich sicher ein schöneres Ergebnis, wissenschaftlich jedoch eher weniger schön. Ein weiteres Auszählen ist nicht möglich, da die Mehrheit der Stimmzettel gelöscht wurde. Schade. Also müssen wir dem Wahlleiter glauben was er sagt.

Bei Forschung darf halt auch nicht jeder mitmachen, das kontrollieren die Forscher, nicht die Internetgemeinde. Sonst braucht man die doch gar nicht (die Forscher) – Kopfkratz. Siehst Du das auch so?

Aber anhand welcher Kriterien darf man denn an Forschung teilnehmen? Wenn man die Kriterien erfüllt, die die Forscher der Generation 9/11 zugeschrieben haben? Nur was erforscht man dann eigentlich?

Vielleicht liegt das auch alles gar nicht am mangelnden Problembewusstsein der Forschenden, sondern am Medium Internet und vor allem am Erhebungsinstrument „Forum“. Vielleicht hatte man von Online-Diskussionen und dem Probandenpool eine völlig falsche Vorstellung. Alles völlig legitim. Aber dann muss man eben auch den Mut haben und sagen: wir haben keine Ergebnisse. Der Testlauf war nichts.

Oder schneller reagieren. Wie ich an anderer Stelle schrieb, hätte man am 1. April auch mit den gemachten Erfahrungen einfach mal auf reset drücken können!


[1]Nachgewiesen“ und Millenial, Millenial, Millenial. Da kann man schon mal nach dem Grad der Etablierung fragen.

 

 

*Edit 3. Oktober 2012*: Leider ist die verlinkte Seite auf Dr. Patricia Somers homepage verschwunden. Etwas absurd wie ich finde, aber nun denn. Der Übersichtsartikel ist noch da. Und zwar hier. Die Links am Ende der Seite funktionieren auch nicht mehr. Bis zum 1. Oktober hat die Seite noch so ausgesehen: archive.org. Und heute ist die Seite weg. Über archive.org kommt man aber zum Glück noch zu den Studientexten: In Search of Generation 9/11The New Normal: Terror, Fear, and a New “Greatest Generation?”.

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